Donnerstag, 20. August 2015

oh für die Liebe, für die Liebe tu ich alles


schreib ich einer Freundin, die mich fragt ob ich mitkomme, es geht um den Zug nach Hause den ich dann aber vermutlich nehmen muss
und ich meine diese kleine Tatsache,
aber während ich es schreibe, denke ich an Grösseres.

Ja und warum sollte man das tun? Weil es eigentlich um nichts anderes gehen kann im Leben, wenn man sich mal umsieht, und Auswirkungen von beiderlei, Liebe wie Nicht-Liebe, beobachtet.

Wie auch immer.

Es is Sommer und die Luft und mein Gefühl haben nur 14 Grad. Is ok. Aber auch nicht.
Ich trink Tee, heut nichts zu tun, fang ein Buch an, muss grübeln.
Nicht nur grübeln, ich schau in den tiefen, tiefen Abgrund von unendlichen Gedanken hinein, und ich kenn das gut, und ich mag das nicht.
Nur nicht denken, geht's mir durch den Kopf, das is sehr gefährlich, das lässt dich unten am Grund aufschlagen und in deine Einzelteile zerschellen, du kennst das schon.

Was is los?
Ich fühl mich wund. Was is passiert, ich weiss es wirklich nicht, beim besten Willen nicht. Plötzlich sind nur noch 14 Grad und tiefe Gedankenkrater.
Wellen aus Schuldgefühl, Wellen aus Selbstmitleid, Wellen aus Angst, Wellen aus Zweifel, wobei diesmal gar nicht so heftig, Wellen voller Fragezeichen sind es eher. Ein Meer bin ich, verpestet von Fragezeichen die die Welt achtlos ins Wasser kippt, wo es ihr passt.
Ich könnt ersticken. Panik, is die Reaktion, mit der mir durch den Kopf schleicht: frag jemanden! frage jemanden, bevor du dich noch schlimmer fühlst, du brauchst Antwort. Frage ein Buch, eine Therapeutin, eine Freundin, Eltern. Die Hälfte is gleich wieder gestrichen, dann alles, nichts kann mir helfen, wird mir leise klar, ich muss wissen, was ich nicht weiss, was mich quält.

Und was für eine Qual überhaupt? Mal ehrlich. 

Man kann sich auch reinsteigern - ich kann mich auch reinsteigern - dennoch geht es mir nicht viel besser.

Etwas is schief und ich habe das Gefühl, das is gefährlich.
Das muss gerade gerückt werden.
Aber wie?
Versuchen wir es herauszufinden:

Ich hinterfrage meinen Platz. Wo ist mein Platz? Wiedermal. Und er fällt mir ein, der mir so früh schon sagte, dieser sei in ihm, falls mir das hilft. Das sickert immernoch, und es hilft immer noch, und das wird es wohl auf ewig. 
Zwischendurch hab ich es sogar voll gefühlt, auch wenn es immernoch sickert. Und ich glaube jedes Wort. Auch wenn mich verwirrt, dass wir uns erst auf einer Ebene kennen, wenn man von kennen sprechen kann.
Wieso fühle ich mich fremd und wie ein Eindringling in das Leben anderer? So war es eigentlich immer, wieder.
Ich bin der Eindringling, ich habe nicht das Recht da zu sein. Nicht das Recht bei ihm zu sein. Nicht das Recht mich mit ihm zu sehen, in seinem Leben. Ich könnte ja doch nur etwas zertrampeln, seine Blumen.
Weil ich mich dieser Tage fremd in mir selber spüre. Es waren vl nie die Kerle, sondern immer nur ich. Und ich bin zum ersten Mal fähig jemanden voll anzunehmen in meinem Leben, vielleicht ist es das, und nicht die romantische Sicht dieser Person, die ein Engel geschickt haben muss. Vielleicht waren sie alle von Engeln geschickt, nur zum ersten Mal kann ich empfangen, meine Arme öffnen.
Und fühl mich immernoch so ungeschickt dabei.

Weil es so ist, so und nicht anders. Weil ich ein normaler Mensch bin, mit seinen Päckchen und Unzulänglichkeiten und Fehlern.
Etwas anderes ist es nicht.
Zum ersten Mal wird mir klar, ohne die Verliebtheit oder den Anfangs-Sex, würde uns nie jemals etwas bei einem anderen halten. Fortpflanzen würde man sich dennoch, das braucht nur einen Akt, lieblos, in einer Sackgasse im Dunkeln.
Also geht es logischerweise um mehr. Und darum denke ich nach.
Was ist los?
Es geht um uns. Nicht nur, aber auch.
In dir habe ich einen Platz. Das sind Worte aus Zeiten, wo ich noch keine Schwere in unsere Geschichte trug, denke ich.
Ich habe aber Fehler. Es gib zweierlei Fehler. Die süssen, die niedlichen, die beeindruckenden, die, die uns nicht kratzen weil wir mit dem Fehler nichts weiter persönliches für uns verbinden. Jemand kann das schlimm finden, wir aber nicht, denn es ist uns egal, diese spezielle Eigenschaft.

Aber es gibt die zweite Art Fehler, die für uns jemanden hässlich und abstossend machen. Die uns mehr berühren, als sie vielleicht sollten, oder als sie andere berühren würden.
Fehler, die uns plötzlich den anderen in einem völlig anderen Licht sehen lassen. Und dann werden wir stumm.
Was dann? Sagt man dann immernoch, dein Platz ist in mir? Fühlt man es dann immernoch?

Ich will nicht, dass wir uns unglücklich machen. Ich will nicht, dass es mit Herzschmerz endet. Aber was will ich denn dann? 
Habe ich wirklich so viel Angst?
Ich weiss nur, aus Angst fängt man nichts an. Das ist der falsche Grund. Und aus Angst beendet man nichts. Weil es der falsche Grund ist.
Woher will ich wissen, dass wir uns unglücklich machen könnten? Es existiert keine eitle Wonne, einzig und allein. Wann sind Worte oder Streit an einem Punkt, wo alles zerstört ist? Oder ist nie alles zerstört, weil man sich entscheiden kann, wenn man will, neu aufzubauen?
Wenn es Paare gibt, die sich aus gegenseitigem sich Betrügen mit anderen, hinarbeiten konnten zu einer neuen Ebene, wo sie sich tiefer lieben als je zuvor, wie schlimm wiegen dann Worte? Oder Taten?

Ist sexueller Betrug nicht schlimmer, als böse Worte? Weil es Taten sind? Ist beides gleich schlimm?
So oder so, gibt es wirklich ein Ende? Wenn zwei Menschen beschliessen sie wollen weitermachen, wohl eher nicht, oder?
Es ist nur nie schön, es ist sogar ziemlich übel, am Grund anzukommen. Das ist beschissen. So oder so.
Ob es nun weitergeht, oder nicht.
Entweder endet es hier, und es bleibt ein Nachgeschmack. Oder es endet hier nicht und erfährt einen Aufschwung, und man hat erneut einen Berg erklommen und die gute Aussicht.
Das ist vermutlich, nichts als eine Entscheidung.
Man wächst und es geht weiter. Wenn man sich dazu entschieden hat.

Vielleicht ist das Mass an Verletzung, die man erlebt, nicht ausschlaggebend, für nichts.
Wie wäre es damit?
Mich verletzten ein paar Worte, die anderen am Arsch vorbei gehen. Ich staune immer wieder über andere, ja.
Ich komme ins denken, ob das hier überhaupt noch gut ist, wenn solche Worte fallen.
Andere nicht, da is der Frieden wieder da, 2 Minuten später.
Dich hat verletzt, was andere taten und sagten, damals. Es hat dich zerstört. Bevor du dich, vielleicht weisst du es gar nicht, wieder aufgebaut hast. 
Vielleicht weisst du nicht einmal, dass du aufgebaut und neu verputzt, mit dichten Fenstern und neuen Sicherheitsschlössern heute hier stehst, nur weil noch niemand eingezogen ist.
Wie auch immer, du fühltest dich damals zerstört und hast dir geschworen auf dich aufzupassen und deine Grenzen zu wahren. Ein Glück, du schaust gut auf dich. Lass dir nichts mehr gefallen. Nie mehr.
Und nun?
Nun passieren wieder Worte, die an früher erinnern, aber so verletzt bist du nicht mehr.
Vielleicht ist das nun reifer. Vielleicht ist das nun adäquat.
Vielleicht hat das nichts mit Abgestumpftheit zu tun, sondern mit Weisheit.
Warum?
Weil es Menschen gibt, die sich nach einem Betrugsfall hinarbeiten zu einer Liebe, die noch nie so tief ging.
Und weil es Menschen gibt, die nach einem Betrugsfall die Beziehung beenden.
Und weil es Menschen gibt, die ohne Betrugsfall eine Beziehung beenden.
Und weil es Menschen gibt, die nach einem Urlaub die Beziehung beenden.
Und weil es Menschen gibt, die jede Beziehung beenden, auch die 25., ohne tiefer gesprochen zu haben.
Vielleicht ist deine Verletzung nun nicht mehr so stark wie früher, und auch kein Weltuntergang.
Vielleicht ist meine Verletzung kein Weltuntergang.
Und das kein Grund, für die Frage, ob man weitermachen will.

Ich weiss nur, ich habe noch nie so sehr an jemandem nicht gezweifelt. Und ich zweifle nicht. Und ich hatte noch nie so sehr Angst um jemanden. Nur letzteres gestehe ich mir kaum ein. Aber es liegt auf der Hand, wenn ich weiss, dass ich dich verlieren könnte aus Gründen, die nichts mit Unreife, bösen Streitereien oder Fremdgehen zu tun haben müssen. Ja sowas kann immer sein, mit jedem, nur man weiss nichts von der Möglichkeit, bis sie plötzlich in dein Leben gebrochen ist. 
Dennoch, wenn du mich fragst, würde ich mich aufrichten und sagen: Nein, ich hab keine Angst dich zu verlieren. Ein Areal in meinem Herzen ist sich darüber nämlich sicher.

Ich kann jetzt für mich nur sprechen: Wenn ich nicht will, dass wir uns unglücklich machen, oder dass Herzschmerz das Ende ist, ob in 3 oder 10 oder 15 Jahren, dann kann ich präventiv aufhören.
Mit allem.
Und jedem. Dann werde ich mich nie wieder auf einen Menschen einlassen, tiefer, und nie wieder Sex haben. Denn mein Beschluss lautete: den habe ich nur mehr, wenn ich weiss es is Liebe, von beiden Seiten. Und dazu muss ich mich einlassen, auf mögliche oder tatsächliche Herzschmerzen, auf die Möglichkeit sich iiirgendwann gegenseitig unglücklich zu machen, ob nun bald am Anfang weil man schwierig is, oder erst nach 10 Jahren, weil alles schwierig geworden ist. Ob im Wissen, dass jemand eine ernste Krankheit hat, oder im Angesicht einer Diagnose nach 12 Jahren glücklicher Beziehung. 

Letztlich, Mädchen, ist es völlig , völlig einerlei. Lass dir das durch den Kopf gehen.
Was hast du zu dir selbst schon immer gesagt? Genau: Man bekommt immer gleich viel, vom Leben. Oder in einer Beziehung. Es ist immer dieselbe Mischung, sie kann nur völlig unterschiedlich gebacken sein.
Wirkliche Unterschiede gibt es vermutlich nicht.
Nur ob etwas passt oder nicht, aber auch das weisst du, Mädchen: was nicht passt, das währt auch so gut wie nur einige Momente, und es ist von Anfang an glasklar.
Alles andere passt, das ist dein Leben. Das ist deine Liebe. Es wird nie anders sein. Nur du wirst anders sein.




-
Anais