Montag, 7. April 2014

Das Wunder hinterm Spiegel



Der Mann, der kein Judas war

traf auf die Frau, die einer war,

nun gut, er bemerkte nicht viel

darum geht es ja

nur sie sah ihn an, hinter einer Spiegelwand

sah sie ihn gut

und sie stand da wie vor dem letzten Weltwunder überhaupt

wie vor der unverschämtesten Unfassbarkeit überhaupt

denn das war einer

der kein Judas ist

das war einer

der ohne zu fragen einfach hier ist

das war einer

der ohne zu fragen beschloss sich zu kümmern

das war einer

der hinter den Kasten fühlt

und wenns sein muss, hinter das Gerümpel einer ganzen Rumpelkammer fühlt

das war einer

der nicht zu brechen ist von einem Schwall von diffusem Wahnsinn

beileibe nicht,

einer, der davon nichteinmal einzuschüchtern ist

und es war einer

der die Sache nimmt wie sie kommt

und die Frau, die er will, nimmt wie sie kommt

denn es war einer

der die hohe Kunst des Bleibens versteht

sowie er die hohe Kunst ihres Immer-wieder-gehens versteht

es war offenbar

ein Noch-nie-gekannter

und sie hatte das seltene Privileg

solch ein Exemplar als Erste zu sehen - wenn auch hinter einer Spiegelwand.


Oh was für ein Wunder

da stand ein Mann!

Und als sie das Licht einschaltete, flog ihre Tarnung auf.


Er nannte sie beim Namen, sagte immerzu: natürlich! und reichte ihr ein Getränk, ohne sie zu fragen.


Das, was sie brauchte.




Die Sonne war neu am Himmel

und die Wärme ungewohnt.





anais