Montag, 25. November 2013

Das Gleichnis von der verwunschenen Kapitänin





Das offene Meer von Oben. Stille, in einem Maß, indem es nur dort, wo sonst niemand ist außer das Meer, vorhanden sein kann.
Das offene Meer, in Frieden, in Sich, ruhend und ganz, in Perfektion und Schönheit, das Meer. Und Horizont, noch weiter, noch ungreifbarer.
Das Auge erspäht nun ein Schiff, nein einen Fleck, aber beim näherkommen konturiert sich ein Schiff aus dem Fleck.
Wie ein sinnvoll verlaufener Patzer. Ein zu etwas verlaufener Patzer den man benennen kann:
Ein Schiff.


Dieses war nun schon auf See: man kann es schwer sagen, 2 Tage, 27 Jahre oder 344 Jahre. Man muss schon verstehen, so wie es am offenen über alles erhabenen Meer trieb, war eine Zeit, eine Richtung oder ein Grund nicht mehr klar zu erkennen. Es war kein Bezug herzustellen oder auszumachen. Äonen sind Minuten und umgekehrt in solchen Phasen.


Auch an Deck herrschte ähnliche Stimmung: Wenige Menschen waren auszumachen und ebensowenig deren Verhältnisse oder Hierarchien oder Beweggründe hier am offenen Meer zu treiben. Wahlloses treiben, und blickst du zum Wasser starrt es nur über all dich und das Deine erhaben zurück. Klare Orientierungsschwierigkeiten waren damit also zu erkennen.


Aber ja, da sitzend an die Reiling gelehnt aber jemand: Eine Frau. Im Matrosenanzug. War ihr schlecht vom Schaukeln oder war sie hoffnungslos?
Unklar, unklar alles hier.
Ansonsten war es hier wirklich auch so still, wie Kilometer weiter weg. Das Schiff hätte genausogut gar nicht da sein können, und wenn man vom Standpunkt des Betrachters ausgeht, war es auch nicht da, denn es war ja auch weit und breit kein Betrachter.
Man treibt, man ist verschollen, man kann nichts ansteuern, wenn Anhaltspunkte fehlen, an solch stillen Tagen am spiegelglatten Meer.
So etwas in der Art muss auch die Matrosin von Zeit zu Zeit gedacht haben, ob ich wohl schon über die Schwellen des Nimbus gedriftet bin?


Wie kommts? Wo kommt sie her? Wer ist sie? Und wieso allein?
Ah, ja, man sieht aber dann doch von Zeit zu Zeit Matrosen auf und ab gehen, ratlos stehen bleiben, ratlos den Blick über den Horizont schweifen lassen. Die Segel des Schiffes sind nicht gehisst, aber die Matrosen kümmern sich auch nicht im Vorbeigehen darum. Wo ist der Kapitän? Wo ist der Befehl?
Manchmal bleibt einer stehen bei einem zweiten und tuschelt ihm zu, fragende, verzweifelte Blicke treffen auf die sitzende Matrosin. Dann geht man weiter.


Ja, leer ist diese Schiff nicht, die Crew scheint gepflegt, gesund sogar, trotz der Äonen, keine Spur von Skorbut oder Irrsinn, die Uniformen sitzen, das Holz an Deck poliert, sauber, alles an seinem Platz, ein Schiff das Bereit ist, zu mehr als zu zielloser Fahrt.
Nichteinmal die eine Frau an Bord macht offenbar den Männern Sorgen bezüglich ihres Glückes oder Unglückes, immerhin ist sie noch da, und auch noch keine Ratte ist in einer Nische erschienen.


Wo ist der Kapitän?


Dann geht endlich wieder einmal einer der Matrosen zu der Frau hin, wagt es den Kontakt aufzunehmen und fragt:


Willst du es denn nicht noch einmal versuchen?


Sie sagt: Aber wie oft habe ich es jetzt schon versucht? Jedesmal dasselbe! So geht das einfach nicht!


Er sagt: Aber wir können nicht länger so ziellos treiben!


Sie sagt: Warum nicht endlich Meuterei? Ihr seht, so kommen wir nicht weiter.


Er sagt: Aber du bist doch unser Kapitän, verdammt!! Alles steht bereit! Dein Schiff und deine gesamte Mannschaft stehen bereit, du bist der Kapitän! Nimm das Steuer, und steuere uns dem Ziel entgegen! Du bist der Kapitän! Du kannst das und nur du! Übernimm dein Schiff! Führe es.


Sie steht auf. Sie hat beinahe ihre Identität in dieser Anhaltspunktlosen Welt vergessen. Sie war ja die Kapitänin und hatte ihr eigenes Schiff! Das Steuerrad war ihr eigenes. Niemandes sonst.
Sie war Machthaberin über die Fracht, über die Besatzung, das Ziel.


So schritt sie zum Steuerrad. Hohe Aufmerksamkeit bei jedem Matrosen. Nach einiger Zeit der Richtungssteuerung kristallisierte sich wieder ein Ziel am Horizont, wenn auch nur in dem Kopf der Kapitänin, und es kam der Befehl, die Segel zu hissen. Sofort war jeder der Besatzung an seinem Platz um die notwendigen Schritte zu tätigen.


Und es kam, das Ziel, das was es Wert war ein Steuer zu halten und den Kurs zu ändern.
Es kam näher. Es war wieder auszumachen, vom höchsten Mast aus mit dem Fernrohr.
Und das Schiff wurde unruhig, die See wurde rauher, es wurde ungemütlich.
Wie oft war das schon so passiert. Es begann etwas zu rumoren im Bauch des Schiffes. Anfangs glaubten alle, es war etwas unter dem Schiff, im Wasser, doch es war viel näher, es war die Fracht. Die Fracht von der niemand so genau wusste bis zu dem Zeitpunkt, als es zum ersten Mal so weit war, dass ein wichtiges Ziel in Sicht war.
Nun kannte man das schon. Es war oft passiert und immer auf die gleiche Art. Dennoch lag allen der Schauer in den Knochen, und der Kapitänin am Meißten, denn sie war die Befehlshaberin und letztlich die ausführende Kraft.
Der Verlauf der nun erneut gnadenlos kommenden Ereignisse war schrecklich und klar, denn oft genug kam es zu diesem Punkt. Doch wie weit würde man diesmal kommen? Wie weit bis man nicht mehr konnte? Wie weit bis die Grenzen des Aushaltbaren erreicht waren?
Jeder fragte sich das. Jeder hoffte mit ganzem Herzen auf die Kapitänin und war erleichtert nicht in ihrer Haut stecken zu müssen. Nicht sie zu sein.


Näher kam das Ziel, wie immer, die Marke, bis zum üblichen Umkehrpunkt bekannt, und das Rumoren wurde lauter, mitsamt der See. Und dunkler. Und wütender. Ja plötzlich konnte man merken, es war ein wütendes Rumoren im Bauch des Schiffes, das wütender noch werden konnte und wurde, das bald an die Unterseite des Decks klopfte, und wilder noch pochte, solang der Kurs gehalten wurde, wild klopfte es, an die Stelle am Wildesten, wo die Kapitänin stand. Jeder bangte um sie und ihre Aufgabe, ihr Durchhaltevermögen, dabei hatten die Gesänge noch nicht einmal begonnen.
Das düstere Klopfen an der Stelle der Kapitänin, und die Verdunkelung des Himmels im Takt dazu, in gnadenloser Abstufung, so gnadenlos wie der Kurs gehalten wurde.


Und die Gesänge begannen. Und das Schaukeln war ungut, auch für Seemänner. Nun wirklich ungut. Das Meer bäumte sich auf und sträubte sich gegen die eingeschlagene Richtung. Nun gut nun waren sie mitten darin, aber es glich einer Berg und Talfahrt eher als einer Schiffahrt, dieser Weg, und die Gesänge: sie zogen sich wie zähe Fäden aus allen Holzritzen und Spalten des Schiffes um sich in die Ohren aller zu Bohren und um die Köpfe aller zu wickeln wie feste Pressverbände die sich immer nur fester zurren und einem den Verstand aus dem Kopf zu drücken drohten. Wie undurchdringliche Schwaden schwebten sie klebrig wie Spinnfäden in der Luft, die Sicht trübend wie Nebel, aber vor Allem den Verstand täuben wollend, die irren Gesänge waren wie Rasierklingen im Kopf. Klänge die einem die Seele umschnürten wie Rauchschlieren aus Hanf oder Würgeschlangen die das Herz für ein ängsliches Häschen hielten.
Ja die Gesänge taten auch physisch weh, niemand war verschont der Mensch war an Deck, unterhalb war niemand, nur die Fracht, die unheimliche, dessen periphäre Wirkung sich ja bereits zeigte, niemand also war verschont, aber die Kapitänin war das Hauptziel, wie ein Magnet für diese niederen, mörderischen Wirkungen, weil sie ja den Kurs auf das Ziel hielt. Sie war das Ziel für dieses Böse solange sie ihr eigenes im Auge behielt und ansteuerte. Jeder Matrose hätte sich jetzt gerne schützend vor sie gestellt oder um sie gewunden oder von Bord geworfen, hätte das etwas ausrichten können, doch das konnte es nicht, der Vorgang war oft genug erprobt.
Jeder konnte nur die Stellung halten und ausharren und bangen um die Kapitänin.
Und ja, jeder wusste was noch kommen würde. Noch hatten sich die Fratzen nicht gezeigt.


Die gefährliche Fracht im Schiffsbauch, die nun das ganze Schiff tiefdunkel beseelte und einhüllte, die nun langsam aber todessicher aufzusteigen begann von unten aus dem Schiffsbauch, während der Himmel sich scheinbar ganz zu verstecken versuchte vor den Geschehnissen und das Meer keine Kenntnis mehr nehmen wollte von Reisenden auf seinen Wellen und diesen Reisenden gnadenlos, fast hasserfüllt zeigen wollte, dass es Dinge machen konnte, die mit dem Wort Wellen nichts mehr zu tun hatten, dieses Rasendwildwasser, kein Himmel und diese unheilvolle Fracht – bildeten nun den Punkt, der der letzte Umkehrpunkt war.
Die Fracht, die herankriechende Fracht, die böse Fracht zeigte nun ihre Gesichter, waren das Gesichter?
Die Dämonen. Sie kamen. Gellendes Gekreische, das nicht einmal mehr das Tosen des von Innen nach Außen gestülpten Meeres mehr zu hören war, kentern wäre ohnehin eine Erlösung gewesen an diesem Punkt, doch die Kapitänin hielt, noch und mit bebenden Händen und bebenden Beinen sich und das Steuer zielgerichtet, auf ein Ziel das nun nur noch zu erfühlen, aber nichteinmal mehr zu erahnen war. Die Dämonen. Sie kamen. Die Kapitänin bebte am Steuer in rasender Angst und dem rasenden Wunsch endlich umzukehren denn sie wusste: sobald sie das Steuer auch nur um 45 Grad schwenkte würde alles was tobte sich in gleichmäßigem Sekundentakt zurückziehen. So war es immer gewesen. Der einzige Ausweg aus all dem Wahnsinn der sie alle brechen wollte wie Zahnstocher. Und dann wäre alles wieder ein glattgebügelter Tag in teilnahmsloser Gleichmäßigkeit. Das war nicht mehr zu ertragen, es gab kein Zurück in so etwas, keinen Ausweg wenn er so aussah.
Sie musste ihr Zittern bis ins Mark, bis ins Herz durchstehen, sie musste in Kauf nehmen dass sie von dem Wahn der sie umschallte leergesaugt wurde und als Hülle unterging, ohne Ankunft.
Sie musste nun in Kauf nehmen, dass sie zu dem Irrsinn wurde, der sie niederstrecken wollte.


Die Dämonen waren befreit und wüteten unter ihren eigenen Gesetzen und ein Schiff unter dem zitternden Steuer war nicht mehr auszumachen. Das Schreien der angstvollen Fratzen schienen nur das Innerste der Kapitänin zu spiegeln um sie komplett aus sich selbst zu entankern, kein Geschenk, kein Licht, keine Möglichkeit konnte erscheinen weil nichts mehr erscheinen konnte.
Und alles was die Kapitänin noch fühlte waren die Dämonen und ihr Alleinsein mit ihnen.
Was sie wusste war, dass es vorbei war. Denn das Schreckliche war nicht mehr zu halten.


Und als der Dämon aller Dämonen, der Oberste, sein unendliches Maul aufriss, um sein Urteil zu vollstrecken und seine Klauen um das Leben zu winden um es zu zerquetschen, endgültig, fiel der letzte Blick der Kapitänin auf ihre Hand, und auf den Stein den er fasste, den tiefroten Stein, den jemand einmal einen Wunderstein nannte.
Und ganz taub vor Wahn nahm sie ihren treuen Talisman noch mit den letzten Sinnesfähigkeiten deren sie mächtig war, wahr.


Und es war vorbei. Und es war still. Und es war tot. Das Geheule und die Sirenen und das Dämonengetose. Nichts mehr war. Und sie spürte Hände an ihren Schultern und Armen und merkte, dass sie die Augen geschlossen hielt, dass sie sie öffnen musste. Und sie sah ihre Mannschaft und den Boden unter ihren Füßen, den Schiffsboden. Kaum noch wirklich wieder da, kam die vage Frage aus ihrem Mund formuliert: ob denn alle tot seien, ihr inklusive, doch die Antwort war nein. Ob denn die Dämonen wieder im Rumpf des Schiffes verstummt waren, siegessicher? Aber eher mussten sie tot sein. Doch die Antwort war nein!
Was blieb? Welche Möglichkeit war noch ausständig?
Dann meldete sich einer der Matrosen zu Wort:
Captain! Nichts von alle dem ist es! Die Dämonen sind nicht ins Schiff zurückgekehrt, sie sind in den Äther hinausverschwunden! Und wir sind am Ziel! Wir haben es erreicht!
Weil Sie unser Steuer, unseren Kurs gehalten haben, allen Widrigkeiten zum Trotz! Sie waren am Beben, sie waren am Abgrund, am Ende vor Angst und vor Hoffnungslosigkeit, doch Sie haben einfach das Steuer nicht losgelassen, Captain! Sie hielten es einfach fest! Wie in einem Wahn, als konnten Sie gar nicht mehr anders, und am Schluss schlossen Sie die Augen! Da dachten wir, es sei alles aus, und das war es auch! Nur anders als gedacht!
Unser Schiff liegt vor Anker am Ziel, und die giftige Fracht ist verschwunden.


Hoch lebe unser Captain!
Hoch lebe unser Captain!



Und die Männer hoben ihre Kapitänin in die Luft, dem Himmel entgegen, wie ein Geschenk. Sie hatten ihren Weg durch das Unmögliche geschafft.







by anais