Mittwoch, 7. Mai 2014

Scham


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Das Wort Schamhaar ist in den letzten Jahren umdefiniert worden. Heute bedeutet es nicht mehr »Haar, das die Scham bedeckt«, sondern »Haar, für das man sich schämt«. Die Psychosomatikerin Aglaja Stirn: »Ein Großteil der 20-Jährigen sagt heute: Es ist mir unangenehm, behaart in die Sauna zu gehen. Viele Frauen und Männer machen das nicht aus freien Stücken.« 

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Eine Deutung ist offensichtlich – aber so anstößig, dass sie nur selten ausgesprochen wird. Eine komplett enthaarte weibliche Scham ist dem Augenschein nach ein Kindergenital. Sind also all die jungen John Ruskins verkappte Kinderschänder? Natürlich ist das Quatsch. Aglaja Stirn aber gibt zu bedenken: »Frauen, die sich enthaaren, entfernen gewissermaßen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie verwandeln sich rein optisch in präpubertäre Körper. Damit signalisieren sie vor allem eines: Reinheit und Ungefährlichkeit. Das hat heute eine große Anziehungskraft.« 

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Es geht um die Frage der Bilder – und auf dieser Ebene findet gerade ein Wandel statt: Das alte Bild der triebhaften, schmuddeligen und tendenziell exzessiven Sexualität, die aus diesem Grund aus der öffentlichen Sphäre verbannt war, weicht einem neuen Bild des sauberen Sexes, der sich am Ideal des Sports orientiert – fitte, glatte Körper, die allenfalls von einer leichten Schweißschicht überzogen sind. »Zum einen wird Sport immer stärker sexualisiert«, sagt Aglaja Stirn, »die Outfits werden immer knapper, es gibt so etwas wie Table-Dance-Work-outs. Auf der anderen Seite wird Sexualität versportlicht.« Und damit entsexualisiert, könnte man sagen. Dieses Bild der sauberen, sportlichen Sexualität ist nicht mehr verbannt ins Boudoir, sondern darf in der Gesellschaft offen gezeigt werden. Auf diese Weise löst sich auch 
der vermeintliche Widerspruch: Das Ideal des reinen Körpers ist kein Gegensatz zur allgegenwärtigen Sichtbarkeit der neuen Mainstream-Pornografie (dass es daneben unzählige kleine Porno-Genres gibt, in denen die Rückkehr des Verdrängten – Haare, Falten, Schmutz – gefeiert wird, versteht sich von selbst). Es gehört nicht viel Fantasie dazu, Pornos als Work-out-Anleitungen zu betrachten. 


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Das passt sehr gut zu den Thesen des österreichischen Kulturphilosophen Robert Pfaller. Der wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass unsere Kultur gerade einem drastischen Reinigungsprozess unterzogen wird, dass alte Genusstechniken wie Rauchen und Alkoholtrinken unter Generalverdacht gestellt werden und einem neuen Puritanismus weichen, dessen Ideale Fitness, Sport und Gesundheit sind. Als Symbol dieses neuen Regimes sieht Pfaller entgiftete Lebensmittel wie Butter ohne Fett, Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein. Sie suggerieren, dass so etwas wie Genuss ohne Reue möglich wäre. In dieses Paradigma fügt sich auch der neue »Sex ohne Körper« – oder genauer: der Sex, dessen Ideal der unschuldige Körper ist. Was abhanden komme, so Pfaller, sei die Fähigkeit zur »Sublimierung«: Darunter versteht er, dass Objekte oder Handlungen, die normalerweise ekelerregend sind – etwa der Rausch mit seiner Tendenz zur Entgrenzung, das Tabakrauchen, von dem wir alle wissen, wie schädlich es ist, oder aber das tierische, unter ständigem Geruchsverdacht stehende Schamhaar – in gewissen Situationen nicht nur ihren Schrecken verlieren, sondern selbst Quelle der Lust werden können. 

All das muss denen, die sich ihre Schamhaare entfernen, gar nicht bewusst sein. Und trotzdem – oder besser: genau deswegen – wirkt die neue Doktrin. Clara etwa erzählt, dass sie nach jener gescheiterten Nacht mit dem jungen Mann nun auch gelegentlich zum Waxing gehe. Nicht wegen des Blödmanns. Sondern weil sie sich dann »irgendwie sauberer« vorkommt. Während unseres Gesprächs kommt sie jedoch ins Zweifeln: »Aber eigentlich duscht man sich ja sowieso täglich …« Auch erinnert sie sich an eine unerfreuliche Episode, die sie mit ihrem nunmehr zeitgemäßen Genital einmal hatte: Sie war im gemeinsamen Ski-Urlaub mit ihrem Vater in der Hotelsauna. »Auf einmal war es mir total unangenehm, dass er mich da enthaart sieht. Es war so, als ob ich ein Ausrufezeichen zwischen den Beinen hätte.« 


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Als mein schwuler Freund Nils mir damals erzählte, dass alle Berliner Schwulen rasiert seien, fragte ich ihn nicht, wieso. Das mache ich nun. Er denkt lange nach. Geht es um den kindlichen Körper? Ja, vielleicht. Natürlich finde er auch die Idee eines jungen, glatten Körpers gut. »Aber eigentlich ist es etwas anderes: Ein rasiertes Geschlecht ist ein Fetisch«, sagt er. 

Hier stößt man an eine Geschlechterdifferenz, die nicht wegzudiskutieren ist – weil sie eine anatomische ist. Enthaaren sich Frauen, verwandeln sie sich in Kinder. Das wird durch die als nächstes anstehende Intimmodifikation, die Schamlippenkorrektur, nur noch deutlicher. Paula Villa erzählt, dass Schönheitschirurgen, die diese durchführen, unverhohlen mit einem präpubertären Ideal werben, im Fachjargon wird vom »Brötchen-Look« gesprochen (geschlossene Form mit Schlitz in der Mitte). Enthaaren sich Männer, geht es um das genaue Gegenteil. Es ist klar, dass sie nicht einen Kinderkörper nachahmen wollen: Kleine Jungs haben einen winzigen Pimmel. Als Grund für die Rasur wird oft ganz offen angegeben, dass ein Penis, der sich dann nicht in Schamhaaren versteckt, länger wirkt. Vor allem aber, so meint Nils: Ein haarloser Penis wirkt präsenter, offensiver. In seiner künstlichen Glätte ist er gewissermaßen ein vom Körper abgelöstes Objekt – eben ein Fetisch. Ein und dieselbe Praxis kann auf symbolischer Ebene ganz konträre Bedeutung haben – je nachdem, ob es Männer oder Frauen machen. 



aus: Süddeutsche Zeitung Magazin - 'Schamlos' von Paul-Philipp Hanske