Donnerstag, 12. März 2015

leben





Du musst schon, wenn du das Leben antrittst, um das Kleingedruckte, das darunter steht, wissen.

Die Möglichkeit Beschwerden einzureichen, hast du nicht.

Warum, fragst du?

Weil das Leben eben auf eigene Verantwortung angetreten wird.

Niemand versteht, dass wir sobald wir geboren sind, komplett eigenständig sind, denn die Menschen denken, sie müssen das erst lernen, manche zu früh, manche früh genug, wieder andere zu spät und einige haben sogar den Irrglauben, gewisse Menschen lebten nie unabhängig und eigenständig.
Sowas existiert nicht.
Es existiert nur ein gänzlich unabhängiges Dasein, egal wie die Umstände aussehen.
Denn der Mensch ist er selbst allein und bleibt es bis zu seinem Tod.
Er ist nicht zwei und er ist nicht fünf, er ist er allein, und in sich und seiner Hülle mit sich selbst allein.
Und er entscheidet, in jeder Art von offenbarer Abhängigkeit oder jeder Art von Gefängnis, jede Minute aufs neue ganz eigenständig darüber, wie er sich fühlt. Frei oder in Gefangenschaft.
Genauso entscheidet er in jeder erdenklichen Art von zügelloser Vogelfreiheit darüber, wie er lebt. Frei oder in Gefangenschaft. Hat er nun gelebt oder hat er sein Leben verpasst?
Er selbst nur ist Herr darüber, sonst niemand und auch das Leben nicht. Das Leben ist nämlich die Mutter, die keine Regeln kennt und nicht erzieht.

Also nicht auf das Kleingedruckte vergessen, das ist wichtig.
Es besagt:


Wenn Sie hier eintreten, dann auf eigene Gefahr.  Sie haften völlig selbst und eigenständig ab dem Tag Ihrer Geburt für das Leben.
Sie können leben, oder sie können nicht leben, aus diversen Gründen, und wenn Sie am Schluss das Gefühl haben das Leben verpasst zu haben, haften Sie wie gesagt selbst. Das Leben hat keinerlei Garantie, es gibt keinerlei Reklamationsmöglichkeiten, sowie Ämter dafür.
Leben nur auf eigene Verantwortung.
Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt.


So liest sich das. Ich kann also einen Moment an mir vorbeiziehen lassen und jede Faser davon aufsaugen, und nachher wissen: diesen Moment hatte ich. Ich HATTE ihn, und ich habe ihn gelebt.
Und ich kann genauso gut 100 Momente ein und derselben Sache immer wieder erleben, ohne die Sache überhaupt je wirklich gespürt zu haben, ohne je in dem Moment gewesen zu sein, und nach 100 Malen, das Gefühl haben, ich wurde irgendwie betrogen, da ich es einfach nicht gespürt habe, da ich es nie hatte. Ich habe das nie gelebt. In 100 Mal nicht.
Und ich hatte nicht genug davon. Mir steht noch etwas mehr zu. Ich bin noch nicht fertig damit.
Was leider nicht im Kleingedruckten steht, aber enthalten darin ist, ist: es gibt niemanden, der dir das beibringt. Du stolperst in diese Disziplin, und wenn du am Ende sagen möchtest, du hast gelebt, dann musst du irgendwie selbst herausfinden, wie du Meister dieser deiner höchstprivaten Disziplin werden kannst: richtig am Leben zu sein.
Du musst dich selbst zum Meister machen, wenn du gelebt haben willst.
Keiner kann dir das zeigen. Und das ist der Punkt, warum wir hier als komplett von allem losgelöste und eigenständige Wesen zur Welt kommen. Das macht uns von allem unabhängig, von Anfang an.

Abhängigkeit existiert als solches nicht.
Ich kann Meister sein oder versagen in der Meisterschaft des Lebens.
Verloren hat am Ende niemand und es gibt auch keine Pokalverteilung, nach dem Tod.
Ich kann nur nicht gelebt haben.

Ich kann also auch gelebt haben.


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Anais

Ein heller Moment während einer Zugfahrt