Mittwoch, 25. Februar 2015
aktenzeichen XY ungelöst
sie ist mit ihrem vater auf einer veranstaltung, wie fast nie. nie, wiesoeigentlich nie? weil er zwar gerne würde, aber nicht tut. er würde und wollte immerschon gerne, tut und tat aber nie. naja vielleicht tat er ja mal, in grauer vorzeit, aber davon weiß sie ja nichts, weil er nie erzählt, sie kennt ihn gar nicht, sie kennt ihren vater nicht, und sie haben nie mehr als eine halbe stunde voneinander weggewohnt und sich immer gesehen, also oft gesehen.
aber sie kennt ihn nicht, sie hat keine ahnung, ihn kann man nur aus versehen kennenlernen, wenn man daneben steht und beiwohner einer unterhaltung ist, die zwischen ihm und einem wildfremden, sinnlosen menschen stattfindet, und dinge ans licht kommen, über ihn, die sie noch nie gehört hat. warum ist sie eigentlich nur beiwohner, und nicht tochter? WAS ist tochter? möchte sie schreien. und so viel liebe und so viel mitleid und fast schon hass und viel zu viel kälte, von ihr aus, nicht von ihm. was tochter ist? das war einmal, vor langer zeit, und endete mit der pubertät, da wird man aus nestern und herzen geworfen, oder einfach vom radar geschoben.
in ihrer pubertät war sie erwachsener als jetzt. da wäre sie vielleicht sogar fähig gewesen mutter zu sein, mit 12 mehr als heute, glaubt sie weil es ihr niemsnd ausredet. egal. fröhnen wir der langweiligen narrenfreiheit weil ja alles geht und nichts gemusst wird, ausser selbtverantwortung, und ich meine, was ist das schon.
als teenie war sie reifer, fast schon alt. durchgeknallt dann mit 21. aber gut so. oder? was auch immer. und da bleiben eben väter wie töchter auf der strecke. kaum zu glauben dabei sind wir doch beide läufer, ich habs von dir geerbt.
aber heute läuft jeder für sich alleine. du und ich.
nur urde ihr unlängst klar, er lief immerschon für sich alleine. so ist er. was hat ihn nur so kalt gemacht? und wann? laut erzählungen war er noch klein.
und sie hat die schlimmste angst so zu sein. so viel angst, so will sie nicht sein, kann sie nicht sein, nicht so abgeschnitten, nicht so lebensleer.
er ist so LEBENSLEER.
ich muss weiter die welt und männer und nächte niederreißen, dass ich ja werde wie ich, nicht wie er.
aber wer bin ich dann eigentlich wirklich?
und dem nächsten mann kotze ich ins gesicht wenn er es wagt so dämlich zu reden wie alle anderen, und der nächsten welt kotze ich ins gesicht, wenn sie es wagt sich nicht zu verändern, und zwar stets, und der nächsten nacht kotze ich ins gesicht, wenn sie es wagt so kurz zu sein, und mir den schlaf nicht zu gönnen, denn ich brauche, um märchengestalt zu sein.
weil er mich vielleicht nur dann will, wenn ich märchengestalt bin.
aber wer bin ich dann eigentlich wirklich?
leider: diese frage war schon vor 8 jahren dieselbe. und dich trifft der schlag, als du bemerkst, sie ist immernoch da. und es wird sich vielleicht nie etwas daran ändern.
war ich für meinen vater je märchengestalt?
als kind vielleicht, so sah es aus, da war alles so perfekt als ich mit ihm zusammen auf einem stück restteppich von omas neuem boden, er war altrosa, spielte dass wir angeln, und der teppich war das boot und mein zimmerboden der see. mann, so weit weg war ich nichtmal, als ich in tokyo war.
das war so schön.
ich war ganz in meiner welt und er hat einfach mitgemacht. wann hat er aufgehört mitzumachen und wann überhaupt hat er aufgehört mich anzurufen? wann? ich war doch nur kurz am flug, viel kürzer als alle anderen, und plötzlich war die verbindung weg.
ich kann doch nichts dafür, hätte ich kind bleiben sollen? hätte ich das kleine krokodil bleiben sollen? und wie ich mir jetzt noch mit fast 30 so lächerlich wünsche, er würde mich so nennen, wenn ich weine. kleines krokodil. was und warum kann ich nicht loslassen? was?
was ist passiert überhaupt und in welchem rausch ging das verloren?
ich entschuldige mich, ich muss das wohl, dass ich erwachsen wurde. denn das hat alles getötet.
ALLES.
meinen frieden mit ihm.
und überall kriechen zombies hervor und wollen mich in ihre höhlen locken und rufen sie wären väter.
warum hört es sich so an, wenn wir reden, als wäre ich für ihn, für IHN, den ersten wichtigen mann in meinem leben, unerreichbar? genauso wie es sich anhört, wenn ich den gründen der kerle lausche, wenn sie mit mir reden und bei nein bleiben. warum bin ich für sie alle unerreichbar ohne das je entschieden zu haben?
warum greifen sie nicht nach mir, warum wollen sie mich nicht erreichen.
ich neige mich doch schon zur erde.
für IHN, den ersten wichtigen mann in meinem leben, unerreichbar?
diesen verlust kann ich wirklich nicht überleben. sowas ist nicht möglich. was mache ich jetzt? wie soll das weitergehen? irgendwie, aber ich bin doch verdammtnochmal nicht hier, für 'irgendwie'.
dafür habe ich mir doch nicht die mühe genommen, einen körper zu beseelen. nicht für 'irgendwie', nein. für volles rohr schon eher.
keiner weiß also, wer einen fehler gemacht hat und ob überhaupt. wie soll man so richtig spielen? ich brauche regeln.
und man sagt ihr, geh auf ihn zu, rede. REDE.
und sie verrenkt sich fast dabei, riskiert kopf und kragen dabei, aber es ist so, im echten leben, wie es in keinem traum jemals war: es kommt kein ton heraus. ums verrecken nicht.
jedenfalls kein ton der er hören kann.
ist er denn taub?
frage beantwortet sich selbst, gut das war dumm gefragt. ist er taub? na hallo! HÖR IHM DOCH MAL ZU. dann weißt du was das wort taub an sich von seiner wortherkunft ist.
und das schlimme daran: eigentlich ist er ja das gegenteil von taub.
vielleicht war ihm ja auch die welt zu laut.
wie einem wal.
sie ist also mit ihrem vater auf einer veranstaltung, und sie treffen eine alte bekannte. ihr fällt, typisch, die kette der bekannten auf, besonders schön, das merkt sie auch gleich an. die bekannte sagt, sie habe sie von ihrem vater bekommen, der bereits verstorben ist.
und das ist schon komisch, denn sie selbst trägt ebenso zufällig heute eine kette, die einzige, von ihrem vater. die trägt sie fast nie, obwohl sie sie so liebt, ihr teuerstes stück, im herzen.
wie sinnbildlich.
und sie reden, sie und die andere mitohne vater, über ketten und väter.
und rückblickend ist es so eigenartig, dass sie da redeten, als wäre auch ihr vater längst verstorben, obwohl er daneben stand, und mitredete.
sie liebt diese kette so sehr, violett, steine, silber, dezent, ein kleiner vogel in der mitte, wie eben vom himmel gefallen, heilig. aus amerika hat er sie mitgebracht, vor 20 jahren wahrscheinlich, und gesagt es sei eine indianerkette. sie liebt sie. sie spürt sie merh als ihn.
heilig, irgendwie.
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Anais