Donnerstag, 26. Februar 2015
Gleichnis vom Mädchen mit dem offenen Herzen
Mag sein, dass sie sich mit Worten von anderen entfernt, als unbewusste Gegenkraft zu ihrem angeborenen Automatismus, auf andere direkt, bis über alle Grenzen, zuzugehen. Sich ihnen auszuliefern, denn das tut sie, sie liefert sich ihnen aus, und um dabei nicht gänzlich von ihrem Gegenüber absorbiert zu werden, muss sie die Grenzen mit Worten ziehen, die sie im Gefühl nicht herstellen kann.
Das kleine Mädchen zieht durch die Welt, von Anfang an, mit ihrem Herzen in beiden Händen, und ein einziges liebes Wort, eine einzige liebe Geste reicht, um sie dazu zu bringen, ihr Herz vor diese Person zu legen, direkt vor ihr abzulegen.
Es genügt und sie legt dir ihr Herz auf den Tisch, du kannst es haben.
Und immer wieder, wenn es dann achtlos liegengelassen wird, oder unbemerkt zu Boden geworfen wird, dann seufzt sie, bevor sie es aufhebt, und wieder mitnimmt, zum Nächsten, der etwas liebes sagt oder tut.
Ihr Herz ist ein Wunderwesen, es kann keine Risse oder Schrammen bekommen.
Sie schon, sie kann ganz schön geschunden aussehen, aber ihr Herz ist ein Wunderwesen.
Das ist für sich selbst.
Was sie kennt, was sie wirklich kann, worüber sie Herrin ist, ist das Alleinsein, und ihr Schatten der eines Wolfes.
Sie ist so klein und so zart, dass man sich zuweilen fragen kann, wenn sie an einem vorbeigeht, wie kommt sie so durch die Welt?
Sie hat keine Angst von Ungewissem, oder davor, dass die Welt vielleicht stärker ist als sie, sie selbst ist das Ungewisse, und beschützt von etwas, von irgendetwas.
Dann seufzt sie, bevor sie es aufhebt vom Boden, und wieder geht. So viel Hässliches gesehen, und doch so unschuldig in ihrer Art, Menschen zu begegnen.
Ihre Unschuld ist nicht zu töten.
So viel Gleichgültigkeit erlebt, und doch wird sie mit keinem Tag gleichgültiger.
Immernoch so unschuldig in ihrer Art, Menschen zu begegnen. Selbst wenn sie gefährlich oder bewaffnet sind.
Sie trägt ihr Herz offen durch die Welt, kaum zu glauben, dass das geht. Sie glaubt es selbst nicht, sie kann nur nicht anders als so.
Und sagst du ein liebes Wort, entgegnest ihr eine liebe Geste, dann wird sie dir mit leuchtenden Augen ihr Herz noch im selben Augenblick darlegen, es aus ihren Händen geben.
Und wenn du es nicht beachtest, das Geschenk wegschiebst oder achtlos fallen lässt
wird sie seufzen
und es
abermals
vom Boden aufheben
und wieder gehen.
Immer weitergehen.
Bis sie eines Tages
vielleicht daran zerbricht
sie vielleicht,
nicht aber ihr Herz.
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Anais